Der Streit, ob Fotografie Kunst sein könne, ist seit geraumer Zeit entschieden: Fotografie ist ein bildnerisches und gestalterisches Medium und gehört damit zum Phänomen Kunst. Heute erscheint uns die frühere Kontroverse, die ja insbesondere von Künstlerseite her genährt wurde, als eher akademisch. Zu vertraut ist uns die Fotografie in all ihren Erscheinungen, mehr noch: sie ist, anders als die bildende Kunst, zu einem echten Massenmedium geworden, das uns, ähnlich dem gedruckten Wort, allerorten und jederzeit begleitet und unser privates und öffentliches Bewußtsein nachdrücklich prägt.
Aber die massenhafte Produktion von Fotografie macht aus ihr noch keineswegs Kunst. Da muß zu ihrer Fähigkeit zur präzisen Wiedergabe von Gesehenem noch anderes hinzukommen, eine gestalterische Qualität, die über das "Knipsen" hinausgeht, eine Verdichtung im Bildnerischen. Diese ist wirksam sowohl in formaler als auch in inhaltlicher Weise - und da werden Maßstäbe wichtig, wie sie in der Malerei und Grafik vieler Jahrhunderte entwickelt worden sind. Und da wird die Fotografie, diese Bemerkung sei hier erlaubt, die ja vor über hundert Jahren fast extrem avantgardistisch auftrat, gleichsam von der Malerei wieder "eingeholt".
Diese hier angedeutete lebhafte Auseinandersetzung zwischen Kunst und Fotografie wird wieder wachgerufen, wenn man sehr guter Fotografie begegnet. So geht es mir vor Bildern des Franz Josef ("Frajo") Heim, wie sie hier im "Altbau" gezeigt werden. Ich spreche bewußt von Bildern und nicht einfach von Fotos. Damit ist umschreibend schon etwas zum Ausdruck gebracht, was Heim ' s Aufnahmen aus der Masse der Allerweltsfotografie heraushebt. In ihnen sind jene Kriterien wirksam, die für künstlerisches Gestalten notwendig sind. Einige seien hier summarisch genannt: Die Bildkonzeption im "Ausschnitt", das Kompositionelle, das Ausreizen der Kontraste, die Farbgebung, das Flächenhafte versus die Raumhaltigkeit des Motivs, das Wechselspiel von Schärfe und Unschärfe, von krasser Nähe und offener Weite, undsoweiter. Wenn hier zuerst von den formalen Kategorien des Fotografierens die Rede war, so muß nun sofort gesprochen werden von den Bildinhalten, den "Themen", von den "Motiven" (von dem, was den Fotografen und den Betrachter "bewegt"), vom Gedanklichen, das sich in der bildnerischen Form ausdrückt. Im Falle guter Fotografie findet dann plötzlich (plötzlich?) jene Durchdringung statt, die das spezifische Wesen bildender Kunst ausmacht: das Aufleuchten des Geistigen in der materiellen Form. Und da wird die Fotografie guter Malerei ebenbürtig.
Franz Josef Heim geht in seinen Arbeiten von der Welt der materiellen Objekte aus, vom Sichtbaren, vom "Vorhandenen", vom Stofflichen im weitesten Sinne. Für den Fotografen ist das der folgerichtige Weg. Zur Materialität seiner Motive kommt das Dinghafte seiner Arbeitsgeräte hinzu: Apparate, Chemikalien, Papiere usw. Die Ausgangslage des Fotografen Heim könnte man also als banal bezeichnen (und mir sind manche bildende Künstler, auch große Namen bekannt, die aus diesem Grunde Fotografie abschätzig beurteilen). Aber in eben dieser Stofflichkeit, dieser "platten" Dinglichkeit, ja kruden und mitunter brutalen Realität der uns umgebenden Weltdinge schlummert ein anderes: ein Unstoffliches, das die nackte Materie transzendiert und damit verwandelt. Nicht umsonst kommt Heim gerne auf Beuys zu sprechen. Ich nehme an, da sind Seelenverwandtschaften am Werk. Und Heim erfaßt in Werken von Beuys jene unbedingte Hinnahme, ja Verehrung stofflicher Substanzen dieser Erde, die in ihrer Materialität und künstlerischen Zuordnung eine Botschaft, etwa Geistiges transportieren für den, der vom Außen ins Innen sehen kann. Das Ernstnehmen des Geistigen im Kunstwerk setzt also das Ernstnehmen des je Materiellen voraus. In Abwandlung eines berühmten Satzes von Thomas von Aquin könnte man sagen: "Das Geistige setzt die Natur voraus - und vollendet sie.
" Wo findet Heim seine Motive, wie wählt er aus, was bewegt ihn vornehmlich in dem unendlichen optischen Angebot unserer dinglichen Welt? Zuerst sei gesagt, daß er seine Motive nicht so sehr "sucht", sondern daß er sie "findet", insbesondere auf Reisen in ihm unbekannte Gegenden. In der Ausstellung sehen wir Wüste, dazu Marokkanisches, einiges aus Istrien und vor allem Bilder aus den neuen Bundesländern, die er in einem treffenden Wortspiel gerne die "Neufünfländer" nennt. Bevorzugte Motive sind Ruinen aller Art, aber nicht die "malerischen Ruinen" vieler Malwerke, sondern moderne Bauwerke oder deren Fragmente in den verschiedenartigen Zuständen des Verfalls. Zerbrochene Fenster, tote und geschändete Fassaden, Treppen ins Nichts, unvollendete Tore, malträtierte Mauern. Die einzelnen Bilder weisen hinaus über die je konkrete Örtlichkeit: Bitterfeld, Leunawerke, ein aufgelassenes Gaswerk bei Dresden. Sie sprechen von Verlassenheit, von der Vergeblichkeit menschlichen Tuns, mitunter von Menschenfeindlichkeit. Es sind Metaphern des Scheiterns. Da ist in den Bildern eine Art Abgesang auf das industrielle Zeitalter. Und da ist immer auch Kritik an menschlicher Hybris und Trauer über die währende Vergänglichkeit aller Dinge. In einer Zeit, die sich fast blindlings der Perfektion von Maschinen und der Dauerhaftigkeit menschlicher Werke hingibt, sind solche Bilder starker Tobak - wunderbar leise vorgestellt. Gerade diese eher stille Bildsprache, die da soviel an Substanziellem zu sagen hat, macht einen großen Reiz dieser Arbeiten aus. Aber die Ruinen, das Menschenleere sind auch anderswo. In Marokko hat Heim eine große, völlig verlassene Badeanlage des Club MediterrannÇ fotografiert: vordem eine "touristische Attraktion", jetzt ein Wrack, dessen Fliesen- und Kachelreste samt verbleichenden Farben plus einer eher erschreckenden Betonformung, die man als Whirlpool identifizieren kann, den tristen und totalen Verfall suggestiv verstörken. Da wird, ganz ohne erhobenen Zeigefinger oder politisierende Attitüde lautlos eine Menge ausgesagt über Wesensmerkmale heutiger Produktions- und Konsumgesellschaft.
Gleichsam zur Befreiung aus dieser melancholischen Bildwelt, die sehr wesentlich ist im Schaffen von Franz Josef Heim, gibt es mitunter Erholsames: einen lichtdurchfluteten orientalischen Innenhof, marokkanischen Meeresstrand, wobei die bunten Pyramiden der Sonnenschirme aus der Sanddüne herauszuwachsen scheinen, eine phantastische, skurrile Architektur, aus einem Blickwinkel aufgenommen, der das sensible Auge ebenso verrät wie einen feinen Humor. Hat man diesen erst einmal entdeckt, trifft man ihn auch versteckt in den so ernsten Ruinenbildern an - und er rundet das sehr Menschliche der Arbeiten von Frajo Heim aufs trefflichste ab. Wie sonst auch ließe sich die tiefe Trauer, die in vielen Bildern wirkt, aushalten? Normal sind Heim`s Bilder überlegt komponiert. Die dem Motiv innewohnenden Strukturen werden offengelegt, dabei die Gegenständlichkeit, ja oftmals krasse Realitätsnähe der Bilddinge keineswegs gedämpft. Das wird spürbar im Hell-Dunkel seiner Schwarz- Weiß-Fotografien, im Gegeneinander der Außenhaut verschiedenster Substanzen, in den Kontrasten von Nähe und Weit, von Enge und Weite, von Fülle und Leere. Ich entdecke in manchen Arbeiten eine klassisch zu nennende Bildgestaltung: wie z. B. in einem sehr eindrucksvollen Bild eines seltsam aufragenden Fragment eines Bauwerks, vielleicht eines Endpfeilers für eine nie fertiggestellte Brücke, seltsam nach einem Hubschrauber-Landeplatz aussehend, die Bildstruktur sehr dicht gedrängt und dabei ganz klar "gebaut" erscheint: Die ythmik der senkrechten Stützen zu ihren Zwischenräumen, das ausgewogene Verhältnis der tragenden und getragenen Teile, die Korrespondenz dieses Komplexes mit dem Spiel der Diagonalen in der Landschaft und bei der "nutzlosen" Treppe, undsoweiter. Heim hat ein sicheres Auge für solche Gegebenheiter und er ermöglichtdamit dem Betrachter eine intensive Auseinandersetzung optischer und intellektueller Art mit seinen Bildern. Und dabei bleibt er immer streng Fotograf, schummelt nicht hinüber in Grafik oder Malerei.
Unaufdringlich, auf kleinem Format und ohne dramatische Gesten erfährt der Betrachter viel über das Wesen guter Fotografie, über die Zuständlichkeit der Welt und die Situation des Menschen in ihr: Tragik und "Witz" unserer Existenz zeigen sich ganz unspektakulär. Fast überflüsig zu sagen, daß Franz Josef Heim, der sich mit dieser Ausstellung als echter Künstler zeigt, auch andere Projekte und Ideen im Kopf hat. Es ist ihm und uns zu wünschen, daß er für seinen weiteren Weg Förderung aller Art erfährt.
Dezember 1998, Erwin Birnmeyer
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Erstellt am 31.12.1998 von KM