DER SPIEGEL 18/2000
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Kabarett
Nathan der Leise
Hanns Dieter Hüsch, Doyen des deutschen Kabaretts, feiert schwer krank seinen 75.
Geburtstag mit seinem angeblich letzten Soloprogramm "Wir sehen uns wieder".
Von Reinhard Mohr
Nur einer saß ein wenig verloren in der Runde: Hanns Dieter Hüsch, der neben Dieter Hildebrandt letzte Dinosaurier des deutschen Kabaretts, Altmeister der satirischen Bühnenzunft: Nathan der Leise, Hanns Dieter vom Niederrhein, geboren in Moers als Sohn eines preußischen Beamten im Range eines Verwaltungsobersekretärs.
Hüsch, der am 6. Mai seinen 75. Geburtstag feiert, wirkte wie ein Alien, ein Fremder unter all den Fernseh-Einheimischen der Fun-Fun-Fun-Gesellschaft, wie ein verirrter Poet im "Big Brother"-Haus Deutschland, wo die vermeintlich schärfsten Satiren aus den siebziger Jahren über Entfremdung und Massenmanipulation von der sich überschlagenden Medienwirklichkeit mühelos übertroffen werden.
Ein Grund mehr für Hüsch, Ende des Jahres aufzuhören mit dem Kabarett und sich anderen Dingen zuzuwenden womöglich der Rolle von Shakespeares König Lear am Staatsschauspiel Dresden.
Dabei ist der gebildete Satyr selbst ein alter TV-Hase, der sich nicht zu fein war, Stummfilmstars wie Laurel und Hardy ("Dick und Doof") bei Neubearbeitungen fürs Fernsehen seine Stimme als Synchronsprecher zu leihen zu schweigen von ungezählten Unterhaltungssendungen, Fernsehspielen, Familienserien, Kabarett-Specials und literarischen Matineen.
"Der Deutsche lacht heute lauter", kommentiert Hüsch trocken, ganz Alltagsbeobachter. Aber worüber lacht er? Die Welt der Crash-Comedians von Ingo Appelt ("Ficken!") bis Stefan Raab ("TV Total"), des blubbernden Schmierseifenuniversums von RTL 2 das alles ist für ihn "eine spezielle Form von Kranksein: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun ... Da mag "Big Brother"-Erfinder John de Mol, Europas TV-Reichsprogrammführer mit Sitz in Holland, bloß grinsen wie eine gentechnisch vergrößerte Treibhaustomate.
Hüschs persönlicher Traum nach all den Jahren: "Eine Welt der Stille mit einer sanften Gesellschaft". Auch deshalb und um offiziellen Geburtstagsfeierlichkeiten zu entgehen, ist er mit seiner Frau nach Italien gereist in das Land von O-sole-mio-Geschmetter, Mafia, Eros Ramazotti und röhrenden Fiats mit abgesägtem Auspuff.
Das aber ist Hüsch: Ein wandelnder Widerspruch, ein Prediger aus Überzeugung, aber ohne Sendungsbewusstsein, pazifistischer Revolutionär und protestantischer Zivilist, ein Deutscher mit Humor, der Sinn fürs Absurde hat und trotzdem an den "lieben Gott" glaubt, mit dem er sich ab und an in Dinslaken trifft, rein privat, versteht sich.
Lange vor der gegenwärtigen Comedy-Welle, die, statt Politik und Gesellschaft zu entlarven, die Banalitäten des Alltags aufgreift (und dabei leider oft nur verdoppelt), hat Hüsch die Sensationen des Alltäglichen entdeckt ob im Wartezimmer eines niederrheinischen Zahnarztes oder beim Wirtshausgespräch über eine Kulturreferentin namens Hülsenkremper oder Hüttenkemper: Kurt Tucholskys Ausruf "Man sollte mal heimlich mitstenografieren, was die Leute so reden, kein Naturalismus reicht da heran" war Hüsch immer schon Befehl.
Noch Harald Schmidts beste Augenzeugenberichte vom täglichen Existenzkampf zwischen Nürtingen und Köln-Porz profitieren von Hüschs schier unendlichem Monolog aus den Tiefen des öffentlichen Raumes.
Charakteristisch sein kaskadenhaftes Parlando, das zuweilen in Stakkato übergeht, seine Tempo- und Tonschwankungen, die teils unmerklichen, teils schroffen Übergänge, der Wechsel zwischen Prosa und Lyrik, Profanem und Erhabenem. Wie oft etwa hat "Hagenbuch", viele Jahre lang sein satirisches Alter Ego, hochtrabend irgendetwas "zugegeben", was dem Wahnsinn näher schien als der Vernunft, eher Dadaismus als Durchblick signalisierend?
Mal tauchte er unvermittelt in einer Nervenklinik auf, um dem verehrten Anstaltsleiter mitzuteilen, "dass mit Verlaub Herr Professor die Welt aus einem völlig falschen Verständnis heraus geschaffen worden sei und deshalb sei er, Hagenbuch, jetzt hier" mal bricht es aus Hagenbuch lauthals heraus, er werde ab sofort "gar keine Möbel" mehr in seiner Wohnung dulden, das sei ja reinster Wahnsinn und Verschwendung sowieso.
In seinem jüngsten Soloprogramm "Wir sehen uns wieder" ist beides wieder frei schwebend versammelt: der Zorn über Zeitungsredakteure, die ihre Leser am heiligen Sonntagmorgen zu praktischen Intelligenztests nötigen "Machen Sie aus fünf Streichhölzern ein Quadrat, ohne die Tischplatte zu berühren!" , und die lyrische Kurzpredigt in allem Ernst.
Sein philosophisches Credo verkündet der gelegentliche Laienprediger angesichts der Alltagskatastrophe einer zerdepperten Kaffeetasse: "Keine Dramen, keine Sehenswürdigkeiten, keine Sippenhaft. Ganz ruhig bleiben und fröhlich sein".
Hüschs eigenes Leben aber ist alles andere als ruhig verlaufen.
52 Jahre lang, seit der abgebrochene Medizin-, Theaterwissenschaften- und Literaturstudent 1947 mit dem Mainzer Kabarett "Die Tolleranten" Premiere feierte, steht er auf den Brettern der so genannten Kleinkunst, manches Jahr an 250 Tagen. Über 50 Programme hat er geschrieben, unzählige Bücher, Schallplatten und CDs veröffentlicht, dabei mit unzähligen Kollegen zusammengearbeitet.
Vom Deutschen Kleinkunstpreis bis zum Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland hat er alle einschlägigen Auszeichnungen abgeräumt selbst den "Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor" (1995) nahm er mit, der wie eine typische Hüsch-Erfindung klingt. Es hätte auch der Bielefelder Ethikpreis gegen Fusionshysterie und Globalisierungsapokalypse sein können.
Ein Preis freilich, den er zu entrichten hat, ist seine Gesundheit. Seit zwei Jahren kämpft er gegen den Lungenkrebs, hat zwei Operationen hinter sich. "Die Krankheit ist, neben dem Rauchen, sicher auch eine Folge meiner Arbeitswut", sagt er. Keine Metastasen im Moment. Alles klar. Aber das Damoklesschwert hängt.
Einen unverbesserlichen "Bühnentriebtäter" nennt sich der Stille-Sucher selbst, jemanden, der immer "ein bisschen Raubbau braucht", ein klein wenig "Kabarett-Raserei": "Es gibt da einen Kern von Anfang an, etwas, das mich nach vorne treibt und nicht zur Ruhe kommen lässt und mich doch im Gleichgewicht hält".
Als "große Kraft" schließlich und jenseits allen Pharisäertums: der christliche Glaube. Er muss der Antipode jenes Wahnsinns sein, den man braucht, um den Leuten über ein halbes Jahrhundert lang die Welt zu erklären im Verfahren "Scherz gegen Schmerz" ohne es selbst wirklich besser zu wissen.
Doch, auch das ist wahr, und es mildert manchen Zug ins Schorlemmerhafte, ins Versöhnungsselige: Seine andere große Kraft und Leidenschaft, ganz von dieser Welt, das sind stets die Frauen gewesen, das große, faszinierend unverständlich Andere. Der Verseschmied ein Womanizer.
In seiner 1992 erschienenen Autobiografie "Du kommst auch drin vor. Gedankengängen eines fahrenden Poeten" taucht derart viel weibliches Personal auf, dass selbst gestandene Greenpeace-Schlauchbootfahrer auf den sieben Weltmeeren neidisch werden könnten.
Freilich verraten all die Abenteuer in der deutschen Provinz viel von der besonderen Einsamkeit und Liebessehnsucht des vagabundierenden Alleinunterhalters, der Spaßmacher, Philosoph, Sänger, Poet, Kritiker und Weltverbesserer zugleich ist und wie zur Strafe jeden Abend in einem anderen Hotel übernachten muss.
Hüschs Zeitkritik war stets Ideologiekritik des skeptischen Individuums, des kleinen Mannes auf der Straße, der sich so seine Gedanken macht. Obwohl er während der Revoltejahre keineswegs abseits stand und sich wie viele damals wünschte "Komm heißer Herbst und mache / Die Bäume alle rot", wurde ihm ein "bourgeoiser Verniedlichungstrend" vorgeworfen.
Beim Folklore-Festival auf der Burg Waldeck 1968 buhte man ihn gar unter wüsten Beschimpfungen "Kitschgemüt mit Goldbrokat" von der Bühne.
Die Ironie der Geschichte will, dass er heute zu den Letzten und zugleich Besten der Branche gehört, die überhaupt noch in den Kategorien von Politik und Gesellschaft, Kritik und Solidarität denken, denken können ja, die überhaupt noch aus eigenem Antrieb Ideen entwickeln und nicht von angestellten Gagschreibern getextete Texte auswendig vortragen müssen, bis die Quotenguillotine fällt.
"Es gibt eine Zuneigung des Publikums wie seit Jahren nicht", sagt Hüsch. Am Ende des Abends spendet es jedes Mal stehend Beifall Standing Ovations.
Vielleicht, weil unübersehbar geworden ist, wie Hüsch selbst nicht mehr ganz ohne fremde Hilfe an sein geliebtes Pult mit den vielen beschriebenen Blättern gelangt, von denen er so virtuos liest, als spreche er zu jedem Einzelnen, vielleicht aber auch aus Dankbarkeit für jene eigenartig lichte "Wärme", die Hüsch vermittelt.
So wird der Satiriker und Moralist zum soziologischen Temperaturmesser.
Hanns Dieter Hüsch ist auch mit 75 noch der niederrheinische Weltgeist, der Seelendoktor aus Moers, ein kleiner großer Mann.
Das hat jetzt auch Hagenbuch zugegeben.
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