„Erst Chemotherapie, dann Lungenblatt raus“

 

Kabarettist Hans Dieter Hüsch über Lungenkrebs, Tod und die Lust am Leben

 

 

Stern: Herr Hüsch, rauchen Sie noch?

Hüsch: Nein. Ich habe es vor 14 Jahren aufgegeben, als meine erste Frau Marianne so furchtbar krank war. Sie hatte Lungen- und Knochenkrebs. Bis dahin hatte ich 50 bis 60 Zigaretten am Tag geraucht, Overstolz ohne Filter.

Stern: Trotzdem entdeckten die Ärzte bei Ihnen ein bösartiges Lungenkarzinom.

Hüsch: Das war schon ein Schock. Aber so eine Lunge regeneriert sich erst nach etwa 15 Jahren. Ich habe mich damit getröstet, dass ich mir sage, so eine Lungengeschichte haben schon Millionen von Menschen erlebt und mitgemacht und durchgemacht und hinter sich geschafft. Also Junge, lass das jetzt.

Stern: Das klingt tapfer.

Hüsch: Es bleibt dir keine andere Wahl. Ich war sehr gelassen, als ob das alles nicht wahr wäre. Meine Frau sagt allerdings, du beschönigst alles, das war noch viel schlimmer. Du warst schon ziemlich am Ende.  Rede mal nicht so rum, als ob nichts gewesen wäre. Erst Chemotherapie und dann das Lungenblatt raus. Die ganzen Narkosen und Bestrahlungen bleiben ja im Körper drin. Manchmal hängt mir die Scheißkrankheit zum Hals heraus. Dann werde ich ungeduldig und uncharmant und undankbar. Zornig, auch zu meiner Frau. Am nächsten Tag ist alles wieder weg. Ich war jetzt wieder zur Untersuchung, die Ärzte haben gesagt, jetzt sei alles okay. Nur mit dem Gehen habe ich noch meine Probleme.

Stern: Sie haben mal gesagt, man sollte beizeiten über die Friedhöfe schlendern, damit man später nicht aus allen Wolken fällt.

Hüsch: Jaja, das ist eine Zeile aus einem Lied. Was medizinische Dinge angeht, zum Krankenhaus gehen, mit Ärzten sprechen, da bin ich schon in meiner Familie vorbereitet gewesen. Es war immer viel Krankheit um mich herum. Meine Mutter ist an Multipler Sklerose gestorben, als ich fünf war. Meine Oma väterlicherseits starb an ihrer zweiten Lungenentzündung. Die erste hatte diese zähe Frau regelrecht niedergekämpft. Wir standen als Kinder alle um ihr Bett und beobachteten gespannt den kurzen flachen Atem. Diese Frau hatte das Ein und Aus eine lange Zeit im Griff. Sie wollte noch nicht gehen. Aber ich meine, einmal kommt man nicht drum herum.

Stern: Sie haben oft über den Tod geschrieben und sind ihm jetzt näher als zuvor. Macht das einen Unterschied?

Hüsch: Man wartet nach einer Operation immer darauf, wach zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als plötzlich einen Arzt zu sehen, der sagt, Herr Hüsch, ich wollte nur sagen, Sie sind operiert, es ist alles okay. Das ist ein wunderbares Gefühl. Da meint man wirklich, man hätte ein ganzes Leben zurückbekommen. Und dann schläft man wieder ein. Aber ich merke, wie mir das Alter zusetzt. Nicht nur kräftemäßig, sondern dass ich mir sage, man fängt an zu zählen. Das Zählen nimmt jetzt schnell zu, sagen wir ruhig, dieses Abschiednehmen. Das ist in mir drin.

Stern: So fühlen sich Ihre Auftritte derzeit auch an. Sie sind sehr melancholisch und anrührend.

Hüsch: Merkwürdig. Ich bin auf der Bühne nicht gerührt. Ich will heiter und gelassen sein. Meine Haltung ist: ruhig bleiben.

Stern: Leben Sie heute intensiver?

Hüsch: Nein, gar nicht. Ich weiß nur, dass es nicht mehr lange so weitergeht. Eigentlich dachte ich mir, ich bin ein Nomade. Aber so langsam bin ich auch gerne sesshaft. Komme zur Ruhe. Das merke ich jetzt, wo ich mit meiner zweiten Frau zusammenwohne. Eine hinreißend junge Frau, die ist 34 Jahre jünger als ich. Ein großes Glück, das der liebe Gott mir beschert hat.

Stern: Sie stehen seit über 50 Jahren auf der Bühne und sind der dienstälteste Kabarettist der Republik. Wollen Sie wirklich am Ende des Jahres aufhören?

Hüsch: Das tu ich schon aus Trotz, weil mir viele Freunde sagen, das schaffst du gar nicht, nicht auf der Bühne zu sein.

Stern: Es wäre ja auch ein Verzicht: Ihr Publikum feiert derzeit jeden Auftritt mit Standing Ovations.

Hüsch: Komisch, nicht? Ich habe ja lange Zeit weniger Erfolg gehabt. Heute bin ich, das kann man so sagen, auf dem Höhepunkt meiner Karriere. Die Vorstellungen sind ausverkauft, egal, wo ich bin. Dabei gehöre ich nicht zu den zornigen alten Männern. Ich zähle mich zu den angeheiterten Herren. Schimpferei ist mir zuwider.

Stern: Ist die Wut verraucht in all den Jahren?

Hüsch: Natürlich bin ich auch zornig. Auf Nazis. Auf den Terror der Werbung. Das ist doch seelische Grausamkeit. Aber Schimpfen ist nicht meine Begabung. Meine Kritik läuft analytisch, es ist kein oberflächliches Wütendsein. Die Zeit kommt, wo einem klar wird, was ist das alles für ein Blödsinn, was ist das für ein Bluff. Wir sind den Dingen immer nur hinterher gelaufen, der Geschichte wie auch dem Alltag. Und das war’s? Immer wieder Lug und Trug.

Stern: Das passt ganz schön zur CDU-Spendenaffäre.

Hüsch: Jaja. Aber all das ist für mich nicht mehr kabarettabel. Die Welt ist mir zu blöd geworden. Politiker interessieren mich nicht mehr so. Mich interessiert der Mensch, wie lange er lebt, wie er lebt, womit und wogegen er lebt. Das ist existentielles Kabarett. Wütend macht mich, wenn die Leute so tun, als würden sie ewig leben. Dieser Hochmut und diese Dummheit, nicht weiterzudenken, sich klar zu machen, dass es mal aufhört, dass am Ende nichts mehr übrig bleibt. Von diesem Charisma des Neinsagens geht mein Kabarett aus. Aber nicht vom Neinsagen zu den Herren Schröder oder Kohl oder Schäuble. Ich fühle mich als ein Clown, eher noch als Narr.

Stern: Sind Narren nicht auch sehr überheblich?

Hüsch: Mag sein. Ich habe sehr früh für mich den Satz geprägt. Bleib bei dir, du hast nur dich. Den habe ich später wieder verworfen, das kannst du nicht sagen, du hast ja Menschen um dich, für die bist du wichtig und wertvoll. Für die willst du auch noch gerne eine Menge da sein. Aber du hast nur dich heißt auch: Mach dir nix vor, zum Schluss bleibt nicht mehr viel.

Stern: Was haben Sie als Nächstes vor?

Hüsch: Erst mal spiele ich bis Ende des Jahres meine Tournee. Dann möchte ich, wenn’s geht, mit meiner Frau eine kleine Weltreise machen. Und eine Oper schreiben. Bis jetzt ist es ja noch alles gut gegangen. Der liebe Gott wird auch noch weiterhelfen. Er hat bisher noch immer geholfen. Ich gehöre ja zu den Leuten, die immer noch „lieber Gott“ sagen – der liebe Gott. Viele mögen das ja nicht, die sind so weit weg davon.

Stern: Und wenn der liebe Gott sie in den Himmel einlädt und Ihnen einen Heiligenschein anbietet, wie Sie in Ihrem Programm sagen?

Hüsch: Ich habe mit ihn eine Verabredung. Und weil wir beide so wenig Zeit haben, haben wir gesagt, lass uns mal nichts fest ausmachen. Wer kommt, der kommt.

 

INTERVIEW: ULRICH HAUSER