ENTSTEHUNG

Die barocke Anlage, also die bestehende Kirche mit dem durch Verbindungsbauten angeschlossenen Geviert des einstigen Klosters, ist das Ergebnis eines zwischen 1699 und 1729 in zwei Stufen abgewickelten Neubaues. Angefangen hat man mit der Kirche, deren Bau durch einen Unglücksfall verursacht wurde: Am 19. Mai (Pfingsten) 1699 stürzte der schon längere Zeit gefährdete Turm ein; er begrub den Chor unter sich und beschädigte damit auch das Langhaus. Bemerkenswert schnell wurde entschieden, die alte Kirche - eine dreischiffige Basilika mit Satteldachturm im nördlichen Chorwinkel - gänzlich abzutragen und an derselben Stelle eine neue aufzuführen. Schon am 25. August 1699 legte Abt Gordian Scherrich aus dem nahen Ottobeuren den Grundstein und binnen drei Jahren, bis zum Herbst 1702, war der Kirchenbau vollendet. Als Architekt nennen die Quellen Franz Beer aus Vorarlberg, als Stukkator den Wessobrunner Joseph Schmuzer. 1702-1703 hat Fr.Magnus Remy, Konventuale in Irsee, die Bilder in den Gewölben und an den Emporenbrüstungen gemalt.

Grundriss des Kloster Irsee

1707 wurde der Klosterneubau in Angriff genommen, wobei die zum Teil mittelalterlichen, unregelmäßig angeordneten Trakte südlich der Kirche einer symmetrisch geplanten Vierflügelanlage weichen mußten. Den Entwurf dazu lieferte höchstwahrscheinlich derselbe Fr.Magnus Remy, dem wir auch die Ausmalung der Kirche verdanken. 1709 wurde der Bau vorläufig eingestellt; zu jenem Zeitpunkt waren Ost-, Süd- und wohl auch der Nordflügel fertiggestellt. Der noch fehlende Westflügel mit der einstigen Prälatur und Gästewohnung entstand 1727-1729, allerdings ohne die vorgegebene Symmetrie zu wahren. Was 30 Jahre zuvor in die Wege geleitet worden war, präsentierte sich 1729 in ganz veränderter Gestalt, wenngleich die vorbarocke Situation sowohl Lage wie auch Ausrichtung der neuen Gebäude mitbestimmt hatte.

Durch den eher ungünstigen Standort an einem Nordosthang ist der Kirchenbau nicht genau geostet, sondern leicht nach Norden geschwenkt. Das Gotteshaus mißt außen rund 54 m in der Länge, seine maximale Breite in Höhe der Querarme beträgt 25 m. Es handelt sich um einen Wandpfeilerbau Vorarlberger Prägung in der Nachfolge der ab 1686 errichteten Stiftskirche Obermarchtal (Alb-Donau-Kreis). Das klar gegliederte Langhaus mit Stichkappentonne auf einfachen Gurtbögen ist in fünf Joche unterteilt; das westliche, schmalere Eingangsjoch mit ausladender Orgelempore wird von Türmen flankiert, das östliche (5.) ist tiefer und zu einer Art Querhaus erweitert. Im zweijochigen, eingezogenen Chor gedrücktes Stichkappengewölbe, das zur halbrunden Apsis nochmals abgesenkt ist. Seitlich liegen mit dem Langhaus fluchtende, abgeschlossene Sakristei- bzw. Oratoriumsräume; von der südlichen Sakristei besteht ein Zugang in das angrenzende Klostergebäude.

Bestimmend für den Aufbau ist die durchgehende Einteilung in zwei Geschosse (die Zwischenböden im Chor wurden erst 1725 eingebaut). Für die ausgewogene Erscheinung beider Raumteile sorgt das Gleichmaß von Horizontale und Vertikale: einerseits umlaufende Galerien (im Eingangsjoch zur Orgelempore verbreitert, in den Querarmen auf Gänge reduziert) mit geraden Brüstungen, andererseits die hohen, dreiseitig mit Pilastern besetzten Pfeiler; sie sind zwar Bestandteil der Zungenwände, die die Abseiten (mit Quertonnen) unterteilen, wirken aber durch ihre Gliederung und das stark ausgebildete Gebälk freigestellt. Dieser Eindruck kommt im Chor, wo die Abseiten aus liturgischen Gründen zugesetzt sind, weniger zur Geltung als im Langhaus. Die strenge Ordnung der Bauglieder ist nur einmal unterbrochen, und zwar im Bereich der Orgelempore; ihre vorspringende, auf Konsolen ruhende, geschwungene Brüstung dürfte eine Folge der Veränderungen von 1752-1754 sein, als die jetzige Orgel eingebaut und das Chorgestühl vom Hochaltarraum auf die Westempore verlegt wurde.

Am Außenbau, den breite Lisenen und ein kräftig profiliertes Traufgesims gliedern, läßt sich die Inneneinteilung ablesen, z. B. an der doppelten Fensterreihe der Längsseiten: oben (auf Emporenebene) hohe Rundbogenöffnungen, darunter kleinere Segmentbogenfenster. Das gilt auch für die repräsentative Eingangsfassade, deren Mittelteil den Kirchenquerschnitt widerspiegelt. Über den inneren drei Achsen Volutengiebel (verkleinerte Varianten an den Querarmen) mit halbrunder Nische, in der die Irseer Mönche vermutlich eine Statue ihres Ordensgründers, des Hl. Benedikt aufstellen wollten. Sicher sollten auch die anderen, heute leeren Nischen an der Westseite, einschließlich derjenigen über dem ädikulagerahmten Hauptportal, Figuren aufnehmen. Weithin sichtbare, dreigeschossige Türme mit »einmal tief eingeschnürten Hauben« (Dehio) von 1754 rahmen die Front und verleihen ihr Monumentalität. Abweichend vom ursprünglichen Zustand besitzt heute nur noch der Südturm ein Nebenportal; das Gegenstück im Norden wurde 1754 beim Einbau der Kapelle im Turmuntergeschoß geschlossen.

Im Irseer Kirchenraum griff Franz Beer auf das Vorbild in Obermarchtal zurück, wo er 1690 den von seinem Lehrer Michael Thumb 1686 begonnenen Kirchenbau übernahm. Dort war es erstmals überzeugend gelungen, den von den Jesuiten übernommenen Typus der Wandpfeilerkirche als große Klosterkirche mit der für die Vorarlberger Baumeister charakteristischen »Lichtrahmenschicht« zu realisieren. Mit diesem Begriff (eingeführt von F. Naab u. H. J. Sauermost) sind die von - für den Gottesdienstteilnehmer - unsichtbaren Lichtquellen ausgeleuchteten Räume der Emporen gemeint, die einen Lichtrahmen um den Gemeinderaum bilden. In seltener Reinheit zeigt Irsee, was unter »Lichtrahmenschicht« zu verstehen ist. Um diese Wirkung zu erzielen, wählte Beer für die Emporen größere Fenster als für die Kapellen. Licht durchflutet die Abseiten, läßt das Gewölbe in Helligkeit erstrahlen, Licht, Medium der Transzendenz, vermittelt die Heiligkeit des Raumes.


Blick auf den Altar

Kirchenraum mit Blick auf den Hochaltar im liturgischen Zentrum des Chores.
Blick auf die Orgel

In Blickrichtung zur Orgel die klare Einteilung des Raumes, seine strenge Gliederung durch Wandpfeiler und Emporen deutlich zum Ausdruck.

Blick zu den Seitenaltären

Südseite des Langhauses; zwischen den Wandpfeilern zweigeschossige Anordnung, unten die Kapellen mit den Nebenaltären, oben die lichtdurchfluteten, durchlaufenden Galerien.