
KLOSTERANLAGE
Ehemaliges Kloster, heutiges Bildungszentrum
Daß diese Vierflügelanlage errichtet wurde, obwohl Irsee damals über eher bescheidene Finanzen verfügte und zu Zeiten der Benediktiner nie mehr als 20 Patres darin lebten, läßt sich mit dem Selbstverständnis des einstigen Reichsklosters sowie dem Repräsentationsbedürfnis seiner Äbte erklären, die als Territorialherren zugleich die Aufgaben weltlicher Regenten zu erfüllen hatten.
Öffnet der Besucher das Eingangsportal im Westen, bietet sich ihm sogleich der künstlerische Höhepunkt des einstigen Klosters dar, das Treppenhaus. Es liegt in dem zuletzt (1727-1729) errichteten Flügel, der ursprünglich die Privaträume des Abtes (Prälatur) und die Gästezimmer beherbergte. Die farbenfrohe Dekoration des drei Achsen breiten, nahezu quadratischen Treppenhauses entstand etwa zwischen 1729 und 1735. Als Schöpfer des unsignierten Deckengemäldes wird der Ottobeurer Maler Franz Anton Erler angesehen. Das Bild zeigt den »Triumph des hl. Benedikt«, der in einer monumentalen Scheinarchitektur, die Welt in einer Kugel schauend, dargestellt ist. Westlich darunter erscheinen die christlichen Tugenden, südlich stürzt Luzifer in den Abgrund, im Norden gehen die Laster zugrunde, und auf der Ostseite ist Chronos zu sehen. In den Eckkartuschen sind in Grisaillemalerei Allegorien der vier Kardinaltugenden wiedergegeben. In den Arkadenbögen des 1. und 2. Obergeschosses werden Landschaftsveduten von zarten Bandwerkfigurationen aus Stuck gerahmt. Äuch die Flächen unter den Treppenläufen sind mit ovalen Gemälden und graziösen Stuckornamenten reich geschmückt.
Neben dem großen Deckenfresko bleibt nur wenig Platz für den Stuck; dennoch entfaltet die Dekoration eine solche Fülle von Motiven und ist so qualitätvoll, daß sie als eine der besten aus der Wessobrunner Schule gelten darf. Ihr Meister heißt Franz Schmuzer. Wie etwa gleichzeitig im Kloster Weingarten, verwendet Schmuzer als Hauptmotive Putten und adlerähnliche Vögel, die auf gitterwerkgefüllten Postamenten stehen oder sitzen, Blumengir-landen, Engelsköpfe mit diamantierten Hals- und Stirnbändern, blütengefüllte Vasen auf Lambrequins, Blattmasken und Bandwerk-schwünge, die im Verlauf ein kleines Quadrat oder einen Rhombus bilden. Über die Haupttreppe gelangt man in allen Stockwerken in einen umlaufenden Gang, der die Räume verbindet. Im Erdgeschoß nennt man ihn Kreuzgang, obwohl diese Bezeichnung nicht ganz zutrifft, weil er nur in drei von vier Flügeln um den Innenhof des Klostergevierts geführt ist. Darin einfache Stukkaturen von Francesco Marazzi. Bemerkenswerte Brunnenanlage mit dem Wappen des Abtes Maurus Keuslin (1627-64) in der Nordostecke. Von den anderen wesentlichen Erdgeschoßräumen aus der Kloster-zeit besitzen nur noch drei ihre historische Ausstattung: der zweiteilige Kapitelsaal (Raum 12) im nordöstlichen Eckpavillon mit Gemälde von Fr.Magnus Remy (»Christus am Ölberg«, sowie 10 Nebenfelder mit Leidenswerkzeuge tragenden Putten), in reiche Stuckdekoration Francesco Marazzis eingelassen. Fast identischer Stuck vom gleichen Künstler in der benachbarten Sakristei. Das Antoniuszimmer (Raum 6, jetzt Bibliothek) im nordwestlichen Pavillon, ist benannt nach dem Franz Anton Erler zugeschriebenen Deckengemälde »Das Christkind erscheint dem hl. Antonius« (um 1730/40).
Im 1. Obergeschoß ist nochmals Stuck von Franz Schmuzer zu finden, der gleichzeitig mit dem im Treppenhaus entstand: im Gang des Westflügels und im sog. Prälatenzimmer (Raum 102). Dieser Raum ist repräsentativ, zusätzlich mit gemalten Allegorien der vier Jahreszeiten (wohl von Franz Anton Erler), schönen Türen in profilierten Stuckrahmen und einem Ofen von 1712 versehen. Am Eingang zur ehemaligen Prälatur ein prächtiges schmiedeeisernes Gitter mit reicher Vergoldung (um 1740), in dessen Bekrönung das Wappen des Abtes Bernhard Beck (1731-1765). Im Ostflügel befanden sich ursprünglich die Zellen der Patres. Acht Räume im 1. und drei im 2. Obergeschoß weisen noch heute Stukkaturen von Francesco Marazzi (1709) auf. Im Mittelrisalit des Südflügels lagen die Gemeinschaftsräume der Benediktiner übereinander: das einst mit Stuck und Fresko ausgestattete Refektorium, früher wie heute Speisesaal, das Mathematische Museum, heute Vortragssaal (Raum 128) und die Bibliothek. Ihrer Bedeutung gemäß wurden diese Räume reich ausgestattet. Davon zeugt der vorzügliche Marazzi-Stuck, dessen Ornamentik sich besonders üppig in der Hohlkehle entfaltet; zu den bereits bekannten Akanthuszweigen und Muscheln treten Lorbeergirlanden, Getreideähren, Rosen, Eicheln und Palmwedel. Im 2. Obergeschoß zeigt allein die Bibliothek, heute Festsaal (Raum 228) alte Pracht; der eineinhalb Geschosse einnehmende Saal weist hervorragende, das Museum an Reichtum noch übertreffende Stuckdekoration (1709) auf, von Francesco Marazzi.
Information: Besichtigung nur in angemeldeten Gruppen möglich.
Eine Dauerausstellung zur Klostergeschichte in den Räumen 8 und 9 des Erdgeschosses soll Besuchern und Gästen des Hauses anhand von Kunstwerken, Dokumenten und Schautafeln einen Überblick über die Entwicklung Irsees vermitteln. Da mit der Aufhebung des Reichsklosters 1803 und der zweckfremden Nutzung über mehr als 150 Jahre die Originalausstattung verlorengegangen ist, stützt sich die Ausstellung meist auf Leihgaben.
Nachbildungen von Urkunden und Siegeln dokumentieren wichtige Ereignisse der Klostergeschichte. Die vier letzten Äbte des 18. Jahrhunderts werden in zeitgenössischen Portraits vorgestellt. Kostbare Ornate mit Silberstickereien, ein von den Irseer Untertanen gestifteter Kelch (1769) des Augsburger Goldschmieds Georg Ignatius Baur, ein Abtsstab und liturgische Bücher mit schönen Einbänden legen Zeugnis ab von dem monastischen Leben.
Die kulturelle Wirksamkeit der Benediktinergemeinschaft in Kunst, Musik, Wissenschaft und Geschichtsschreibung belegen die Exponate mehrerer Vitrinen: die Musikpflege mit Notenhandschriften, dem Kompositionslehrbuch von P.Meinrad Spieß und einer Viola des 18. Jahrhunderts; die Bibliothek mit Inkunabeln und Handschriften; die Pflege der Naturwissenschaft mit Instrumenten und Geräten (darunter ein Spiegelteleskop und ein Vermessungsgerät von P.Eugen Dobler - Nachbildungen nach Originalen aus dem Kloster Kremsmünster in Oberösterreich); die Philosophie mit Werken von P.Ulrich Weiß.
Herrschaft und Besitz: die rechtlichen und wirtschaftlichen Grundlagen des Klosters werden in Karten und Tabellen vorgestellt. Auszüge aus Statuten und Gerichtsordnungen verdeutlichen das Leben der Klosteruntertanen. Zunftzeichen und ein Zunftmeßbuch weisen die verschiedenen Handwerke im Klostergebiet aus. Ein Modell zeigt Umfang und Gestalt der Klostergebäude und der dazugehörigen Wirtschafts- und Verwaltungsbauten zum Zeitpunkt der Aufhebung um 1803. Wichtige Quellen der Klostergeschichte sind auch die große Wappentafel mit der Darstellung des Stifters Markgraf Heinrich von Ronsberg (Erdgeschoß Kreuzgang) und die Familientafel des Klostervogtes Simprecht von Benzenau (1. Obergeschoß Südflügel).
Das Denkmal für die Euthanasieopfer des Nationalsozialismus aus den Anstalten Irsee und Kaufbeuren wurde im Auftrag des Bezirks Schwaben von Bildhauer Martin Wank, Unterthingau, mit der Darstellung »Laß mich Deine Leiden singen« entworfen und in Bronze ausgeführt. Es wurde im ehem. Anstaltsfriedhof aufgestellt und am 22. November 1981 feierlich eingeweiht.
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