STUCK-DEKORATION

Ebenso, wie der Kirchenraum in Richtung auf den Hochaltar eine Konzentration erfährt, ist auch bei der Stuckdekoration eine motivische Verdichtung zu beobachten. Der 1702/03 anzusetzende Stuck ist das erste selbständige Werk von Joseph Schmuzer. Überwiegend original ist allerdings nur der Stuck im Langhaus, der des Chorgewölbes mußte wegen Wasserschäden schon bei der Renovierung 1950 vollständig ersetzt werden.

Zusammen mit seinem Bruder Franz hatte Joseph Schmuzer bei dem Vater Johann Schmuzer gelernt, der u. a. 1689-1694 die schon erwähnte Klosterkirche Obermarchtal stuckierte. Der hier noch vertretene hochbarocke Dekorationsstil wich bei der jüngeren Generation reduzierten, verfeinerten Formen. Zum Beispiel die fleischig-voluminös, vielfach eingerollt und scharf ausgeschnitten erscheinenden Akanthusranken werden in der 1700 einsetzenden Reduktions- oder Aufspaltungesphase, der Irsee angehört, allmählich zierlicher, gestreckter, beweglicher. Das belegt vor allem der Stuck im Chorgewölbe. Daneben sind häufig vertretene Motive die mit Eichen- oder Lorbeerblättern besetzten Bildrahmen, Früchtegehänge, Muscheln, Eichenlaubrosetten, geflügelte Engelsköpfe, akanthusgeschmückte Kartuschen und stuckierte Friese (Perl-, Blatt- und Eierstab).

Im Bogenscheitel zwischen Chor und Apsis taucht hier erstmals eine für die späteren Schmuzer-Dekorationen typische Verzierung auf: ein geflügelter Engelskopf bekrönt die querovale Kartusche, während den flankierenden Füllhörnern seitlich Akanthusranken entwachsen. In der Kartusche steht die Weiheformel »[Ecclesia] D[eo] O[ptimo] M[aximo] Divae Mariae Virg[ini] S[anctis] A[postolis] Petro & Paulo D[ata] D[icata] D[edicata]«, das heißt: Die Kirche ist Gott, dem Allerhöchsten, der göttlichen Jungfrau Maria, den heiligen Aposteln Petrus und Paulus geschenkt, gewidmet, geweiht.

Die Kapitelle auf den kannelierten Pilastern sind in der Form der damals bevorzugten ionische und korinthische Elemente kombinierende Kompositordnung gestaltet. Vater und Söhne Schmuzer verwendeten diese Kapitellform ein halbes Jahrhundert ohne nennenswerte Änderungen. Da Kapitelle aus vorgefertigten Einzelteilen zusammengesetzt werden, ist es nicht verwunderlich, daß sie sich beispielsweise die Kapitelle in Irsee und Rheinau (ab 1708 von Franz Schmuzer stuckiert) vollkommen gleichen, denn Blätter, Voluten etc. wurden in denselben Modeln gegossen. Weiß gefaßt stehen die Stukkaturen auf weißem Grund. Damit wurde die Tradition von Obermarchtal und Friedrichshafen fortgesetzt: das Besondere liegt im Spiel von Licht und Schatten. In diesem klaren Weiß erhalten die Farben der beweglichen Ausstattung, vor allem Gold- und Silberfassungen, ungeahnte Strahlkraft.


Stuckdekoration am Strebepfeiler

Die Lichtfülle der Emporen leuchtet die obere Zone der Wandpfeiler mit dem stuckierten Kapitellen und dem Gebälk wirkungsvoll aus.