Die Schiffskanzel

Irsees berühmte Schiffskanzel (1724/25); das Schiff, so eine der Deutungen, symbolisiert die Kirche, die auf dem Ozean der Geschichte und in den Stürmen der Zeit Sicherheit bietet.

Originellstes und schon zur Zeit seiner Aufstellung gerühmtes Ausstattungsstück der Irseer Klosterkirche ist die Schiffskanzel, 1724/25 von dem Bildhauer Ignaz Hillenbrand (um 1690–1772) geschaffen. Der Kanzelkorb hat die Form eines Schiffsbuges, dessen Planken sogar entlang der Kanzelstiege verlaufen. An der Bugspritzseite ein aufgezogener Anker – Symbol der Hoffnung – an der Spitze die vergoldete Figur des Erzengels Michael – Streiter für die Kirche – mit Schild und Flammenschwert. Die Aufschrift des Schildes »Quis ut Deus« (Wer ist wie Gott) erklärt sich aus der Legende vom Kampf des Erzengels Michael gegen Luzifer und den Sturz der Engel. Deshalb befand sich ursprünglich auch zu Füßen der Michaelsfigur der gestürzte Teufel, der jedoch 1834 entfernt wurde, weil er bei Prozessionen hinderlich war. Spätere Zutat sind dagegen die vier Evangelistenschilde an der Brüstung; sie stammen aus dem 1834 abgebrochenen Langhaus der Irseer Friedhofskirche.

Engel als Schiffsjungen

An dem hoch aufragenden Mastbaum sind Tauwerk, Mastkorb, ein Wimpel mit den Buchstaben "Alpha" und "Omega" und das als Schalldeckel dienende Segel (aus grobem Leinen kaschiert) befestigt. Überall in den Aufbauten tummeln sich Engel als Schiffsjungen.

An der Rückwand das Wappen des 1724 gewählten Papstes Benedikt XIII. aus dem römischen Adelsgeschlecht Orsini. Über eine phantasievolle Angleichung der Namen Orsini-Ursini-Ursin hat man damit in typisch barocker Freude an beziehungsreichen Konstruktionen die Verbindung zur Irseer Stifterfamilie Ursin-Ronsberg hergestellt.

Auf dem Segel über dem Schiffsbug der Kanzel und im Mastkorb sind Engel als Schiffsjungen eingesetzt.

"... Yrsee diser Welt"

Für die ungewöhnliche Form der Kanzel gibt es verschiedene Interpretationen. Sie wird als Anspielung auf den Ort "Ir-See", auf die Schiffspredigt Christi, auf das Petruspatrozinium der Kirche gesehen; zur Erklärung wird aber auch auf den Sieg der christlichen Flotte über die Türken bei Lepanto (1571) verwiesen.

Wie die Zeitgenossen darüber dachten, offenbart die Leichenpredigt auf Abt Willibald Grindl von 1731. Die Lobrede auf den Auftraggeber der Kanzel steht unter dem Titel »Höchst-beglückte Schiff-Fahrt über das Meer oder Yrsee diser Welt«, eine Fahrt, die der Verstorbene mit Gottes Hilfe »glücklich vollendet hat[te]«. Daraus spricht der feste Glaube an die Kirche, die auf dem unberechenbaren Meer, auf dem Ir(r)see des Lebens, auf dem Ozean der Geschichte und in den Stürmen der Zeit die Sicherheit eines Schiffes bietet. Die Vielzahl der Deutungsmöglichkeiten macht evident, daß sich mehrere Bedeutungsschichten überlagern.

Am Segel über dem Schiffsbug der Kanzel und im Mastkorb sind Engel als Schiffsjungen eingesetzt.